Die große Müdigkeit – gähnen im Kollektiv

Das Hammsterrad und die Bedeutungslosigkeit der permanenten Daseinsproduktion

 

Offen gebe ich zu: Ich interessiere mich für gar nichts mehr. Das Leben ist einfach zu anstrengend: Wenn man arbeitet, wenn man Kinder groß zieht, wenn man ein Erbe zu verwalten hat, wenn man nebenbei noch seine Krankheiten organisieren, die Artefakte seiner Hobbys verlisten, Reisefotos sortieren, Kataloge studieren oder die Facebookfreunde über eben all diese Unbilden in formieren muss.

Was man so alles um Ohren hat, als moderner Mensch! Von der permanent zum Scheitern verurteilten Selbsverwirklichung gar nicht zu reden. Was wollte man nicht noch alles zuwege bringen? Ein Instrument erlernen (Cello oder Klavier), oder eine Zusatzsprache (Italienisch, Latein oder Chinesisch). Und dann noch der Kochkurs mit Witzigmann. Aryurvedamassage, Drachenfliegen, und, und, und. Das muss alles vorm Sterben auf die Reihe gebracht werden, und dabei bleibt immer noch die Hälfte auf der Strecke: Ein Buch muss auch geschrieben werden, ein Krimi aus der Region oder eine Beratungsbroschüre für Heilschlafübungen. Die selbstgespachtelten Ölbilder nach der Bob Ross Methode müssen am Wochenende beim Italiener im Einkaufszentrum aufgehängt werden. Wie soll man das bloß alles schaffen? Himmel Herrgott, macht das alles müde! Stress, Erschöpfung, Burnout, Burnin. Burn, burn, burn… (Hat das nicht einmal jemand gesungen? Ein Rockstar aus den Sechzigern?) Wie haben die Leute das früher nur auf die Reihe bekommen, als die Milch beim Kaufmann noch langwierig abgezapft und in der Milchkanne nach Hause getragen werden musste?

Ja, ich gebe es zu: ich bin ein Teil dieser Welt. In Wahrheit sind mir meine Mitmenschen völlig egal geworden. Es gibt ja auch zu viele davon. In Wahrheit interessiert mich die neue CD meines Freundes, Heinz, nicht im Geringsten, oder das selbstgeschriebene Buch meiner Nachbarin über Katzenpsychologie. Ich sage, sehr schön, und denke: Lass mich bitte mit dem Mist in Ruhe! Dann die Vernissage eines anderen Freundes (grottenschlechte Mondrianimitate)! Ich sage: Sehr begabt! Weiter so! Ich denke: Mein Gott, wie peinlich! Ich unterdrücke mein Gähnen. Schon um zehn Uhr abends fallen mir die Augen zu. Erst ein wenig später gehen sie wieder auf, wenn mein wahres Leben beginnt, wenn all die Müdigkeit verfliegt, wenn ich den Fernseher einschalte und ich endlich mein wahres Leben leben kann, wenn Neo Rauch auf Arte über seine Bilder redet, wenn der junge Elvis P. in einer Doku ein Gitarrenriff vorführt,  wenn Christian Kracht ein paar Sätze aus seinem neuen Roman liest, oder wenn Dieter Moor von einer Lichtperformance in New York berichtet. Wie macht er das nur, der Dieter, der Moor? Nie sieht er übermüdet aus. Burnout? Nicht die geringsten Anzeichen. Und dabei müsste er wirklich eine Menge auf dem Erledigungszettel zu stehen haben.

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2 Gedanken zu „Die große Müdigkeit – gähnen im Kollektiv

    • Vielen Dank verspätet für den Kommentar. Ich konnte mein Magazin eine Weile nicht bearbeiten. Etliche neue Kommentare der letzten sind jetzt wieder im Magazin veröffentlich. Vielleicht schauen Sie einmal wieder rein.
      Mit herzlichen Grüßen. Ulrich Hammer

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