KRIEG ODER KUNST?

NR. 8       Juli  2013

Krieg oder Kunst?

Pazifismus im Zeichen der  Computerspiele

Hartnäckig hält sich ein Gerücht: Künstler sind antibürgerlich und eigentlich überflüssig, aber wenigstens sind sie feinsinnig und von pazifistischem Gemüt. Krieg und Kunst sind nun einmal unvereinbare Gegensätze. Nein, ich muss widersprechen: Hatte ein Beuys nicht  immer wieder mit Stolz auf seine angebliche Karriere als Jagdflieger hingewiesen? Und ist ein Anselm Kiefer nicht mit verkleinerten B 52 Bombern aus Blei zu Weltruhm gelangt? Hat nicht eine Nicki St. Phalle  mit Begeisterung Gewehrkugeln auf Farbbeutel verschossen? – Auf der anderen Seite: Wie viele Feldherren haben sich mehr als Künstler, denn als Massenmörder gesehen? Einzig die Soldaten in den Schützengräben hätten gut auf die blutrünstige Actionkunst verzichten können. Und für die Feingeister ist es der ekelerregende Anblick zerfetzter Körperteile, der sie davon abhält, sich aus vollem Herzen an der Schlachtengestaltung zu beteiligen.

Nach drei Jahrzehnten digitaler Evolution hat sich die Kriegskunst endlich zu einer echten  Kunst mit gänzlich neuen ästhetischen Vorgaben entwickelt. Der Krieg ist sozusagen stubenrein geworden, ist in ungeahnte intellektuelle Höhen aufgestiegen und eröffnet dem Virtuosen nie zuvor gekannte Spielfelder. Selbst Schreckhafte und Blutallergiker können sich jetzt in touristischer Vergnügungslaune auf  Kriegschauplätze in exotischen Welten beamen, seit die Waffensysteme per Mouseklick aus der Toolbar gewählt werden.

Mein pubertierender Sohn, das kann ich jetzt schon sehen, wird einmal ein ganz Großer unter den Kriegskünstlern im Cyberspace. Stundenlang in optimaler Konzentration auf das Display starrend, ist er in wenigen Monaten zu einem Meister im Handling von Battlefield und World of Tanks geworden. Gäbe es ein Fachabitur in diesen Disziplinen, würde er es mit Leichtigkeit bestehen. Jubelschreie gellen durch die Wohnung, wenn er gerade einen Stadtteil in den Erdboden versenkt hat. – Neulich erst hat er mir beigebracht, wie man eine Lastwagenkolonne per Joystick ins Visier nimmt und so nahe heran zoomt, dass der erste Treffer gleich eine Komplette Kompanie aus dem Datensatz löscht. 

Ich habe ihm zu erklären versucht, dass die großen Jungs vom Pentagon und von der Nato nichts anderes machen, nur dass sie ganz reale Drohnen mit ihren Joysticks steuern. Tausende Kilometer vom Ort des echten Schreckens entfernt, krempeln sie ihre Hemdsärmel hoch, schlürfen ihren Milchkaffee und navigieren ihre echten Raketensprengköpfe mit maximaler Perfektion ins Ziel. Echte Häuser zerbröseln zu Staub, echte Körperteile fliegen durch die Luft, und echtes Blut spritzt über das Gemetzel. – Mein Sohn hat nur gelacht. „Das ist doch irre, ich hab drei Panzer mit einem Schuss zermatscht!“ – „Und was ist mit den Soldaten in den Panzern?“, habe ich nachgefragt. – Er hat die Frage nicht gehört. Weitere Panzer preschen aus dem Schlachtennebel ihrer  digitalen Auslöschung entgegen. „Stör mich nicht!“, war die einzige Antwort.-  Ich bin sicher, wenn er so weitermacht, wird ein echter Künstler aus ihm werden.

U. M. Hammer

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Demokratie – oder ein Fest der Freiheit

Kurzmitteilung

u.m. Hammer´s Zeiteist

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NR. 7       Mai 2013

Demokratie oder ein Fest der Freiheit

Zum 2500sten Jahrestag der Erfindung der Demokratie -eine Reportage

 

Meyers Taschenlexikon – Demokratie (griech. „Volksherrschaft“) – Kleisthenes (513 vor Christie) wird als der Urheber der Demokratie angesehen.

 

Tausende, Hunderttausende, Millionen in Verzückung. Die Zeppeline schweben in die Arena ein. Sie tragen die Logos der Sponsoren: Adidas, Deutsche Bank, Daimler, Monsanto, VW und Microsoft, um nur einige zu nennen. Jetzt dröhnt es aus den Lautsprechern: „Ihr seid ein glücklich Volk von Demokraten. So lasst uns feiern jetzt. Hoch lasst sie leben, die Demokratie, das Paradies auf Erden.“

Fanfaren, Geigen, Tuben, Kontrabässe, des Volkes Stimmen jetzt im Chor vereint. Wir singen die Nationalhymne. Es greift ans Herz. Nicht nur mir. Altkanzler Schröder reibt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Auf seinem Taschentuch kann ich ein Portrait von Putin erkennen. Ein Gitarrensolo schwingt sich über die Jubelchöre, fast wie von Jimmy. Das Woodstock der Demokratie und Demokraten. All die Sieger von DsdS, Voice of Germany und European Song Contest sind jetzt im Chor vereint. Der Gesang schwillt an. Ekstase ist die Norm. Ich sehe auf dem Monitor, wie Peer und Claudia sich in die Arme fallen.  Fantastisch! Das Display, groß wie ein halbes Fußballfeld, ist Sonys Dankeschön an die Demokratie und die globale Marktwirtschaft. Gerade wechselt das Bild zu einer Werbeeinspielung von Gentech Germany. Brilliante Wiedergabe in HD. Von der Leyen kreischt vor Vergnügen auf. Livegeburt vor laufenden Kameras. Da. Jetzt flutscht es aus dem Schoß, das Baby weiblichen Geschlechts. In Sekunden ist es schon Bannerträgerin der Jungen Union, dann Abgeordnete im Parlament der Demokraten und, kaum zu glauben, Ministerin für Geburtenbeschleunigung.

„Demokratie! Demokratie!“, jubelt es von den Tribünen.

Der Präsident streckt die Hände gen Himmel. Vibrato in der Stimme: „Freiheit! Freiheit!“

Der Chor: „Freiheit, schöner Götterfunke!“

Orgelcluster branden auf. Ich kann nicht sehen, wer die Tasten drückt. Schmidt, Scholl-Latour, Lanz oder Grönemeyer?

Jetzt wieder der Präsident: „Wohlan mein Volk! Brot und Spiele für die Freiheit. Freiheit, höchstes Gut auf Erden.“

Die Ministerin für Soziales ergänzt: „Brot für alle! Freibier für ein einig Volk der Demokraten!“

Was ich sehe übertrifft jede Fantasie: Zigtausende Liter Bier strömen in die Arena. Die Werbedisplays strahlen auf: Reines Bier mit reinem Wasser von Nestlé.

Die ersten Galeeren steuern ins Zentrum des maritimen Spielfelds. Das mediterrane Sonnenlicht dazu ist eine P.R. Aktion von REW. Frenetischer Applaus. Der Kommentar aus den Lautsprechern: „Die Schlacht von Lepanto. Eine Musicalproduktion von Viva und Arte.“

Ein Europaminister: „Das haben alles die griechischen Reeder bezahlt.“

Die Kanzlerin ergänzt: „Als Wiedergutmachung für die Steuerflucht.“

Der Präsident: „Nur in Freiheit kann nichts schöner als die Freiheit sein.“

Jubel von den Rängen der Europaabgeordneten. An den Rudern der Galeeren, Hartz 4 Betrüger, Salafisten, Fleischesser, verschleierte Integrationsverweigerinnen und Asylschmarotzer als lebende Fackeln. Bengalische Lichter im Walzertakt. Für die Nachwelt alles schnell mit Ölfarben auf Leinwand gepinselt vom neuen Dekorationsminister Professor Lüppertz. Die Grünen werfen Biomüll Marke Tengelmann auf die Darsteller. Von den Hinterbänken Bravogeschrei der Parteisoldaten aus den Provinzen. Jetzt, mir stockt der Atem: der Chefredakteur von Stimme des Volkes schwingt das Metzgerbeil. Blutspritzende Köpfe stürzen in das Meer aus wogendem Bier. Vielleicht sind es auch nur Karnevalsmasken aus chinesischer Produktion. Roberto Blanco singt aus voller Kehle: „Deutschland, Deutschland, über alles, und ein bisschen Spaß muss sein.“

Jetzt: Guttenbergs Herz fliegt auf die Tribüne. Eine Leber von Hoeneß, Gedärme von Wulff und das Skalp von Schavan. Der Präsident singt mit: „Freiheit, Freiheit, und ein bisschen Spaß muss sein. Präsident zu sein, ja das ist fein.“

Fanfaren des Jubels. Wowereit schleudert bunte Papierflieger in den Himmel und wirft Air Berlin Aktion ins Volk. Gysi tanzt Tango mit Westerwelle. Chinesische Glückskatzen explodieren am Firmament und Wagenknecht rezitiert aus Armanis Stilkunde. Welch ein Spektakel. Das ist deutsche Kultur, deutscher Humor und deutsche Technik. Das sollen uns die Griechen mit ihren lächerlichen Tragödien erst einmal nachmachen! Tausende japanischer Demokratietouristen zücken ihre Kameras. Blitzlichtgewitter und Gruppenbild mit Würdenträgern aus der Geld-, Politik- und Freiheitsindustrie.

Roberto ruft der Kanzlerin zu: „Ein bisschen Spaß muss sein!“

Jemand neben mir raunt mir etwas ins Ohr. Es ist der Staatssekretär für Realitätskontrolle: „Glauben Sie niemandem! Alles ist möglich, nichts ist wirklich.“

U.M. Hammer

HABEMUS PAPAM

u.m. Hammer´s Zeiteist

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NR. 6       März. 2013

Habemus Papam

 

Die Rettung der christlichen Weltkirche hat einen neuen Namen: Franziskus

 

Kühnste Hoffnungen sind erweckt. Er beruft sich auf  Franz von Assisi! Sean Connery spielte in dem Film „Der Name der Rose“ einen gelehrten Franziskaner Mönch, wie er zu seiner Zeit als typisch gelten könnte. Die Franziskaner erhoben ihre Stimme gegen die Prasserei der Kirchenfürsten, legten sich gerne mit dem Papst an und schätzten den Wahrheitsgehalt von Wissenschaft und Philosophie.

Ein Papst, der sich Franziskus nennt! Das hat es vorher noch nicht gegeben. Nomen est omen?  Den Armen will er Hoffnung sein auf ein Ende der Armut, und Muslimen wäscht er die Füße.  Ist er der lang erwartete Messias des Age of Aquarius? Wird jetzt bald alles anders? Ist das der Anfang des Zeitalteres von Love und Peace? Und was ist mit dem Glauben? Was hat Religion mit den Ungerechtigkeiten der diesseitigen Welt zu tun? Was ist mit dem Bewusstseinszustand jener Geschöpfe des Schöpfers, die von der Kirche traditionell zur Krone der Schöpfung erhoben wurden. Und was hat das alles mit Franz von Assisi zu tun?

Ein versponnener Exzentriker, der sich einbildete, mit Tieren wie mit Menschen reden zu können, war der Namensgeber der Franziskaner ganz sicher nicht. Mit Tieren, mit Pflanzen, mit Wolken, Meereswellen und mit Bergen und Steinen zu reden, war für die Philosophen und Gottsucher im Mittelalter keine folkloristische Attitüde, sondern der ernstgemeinte Versuch, mit dem Universum, dem Kosmos, der Natur samt ihren Geheimnissen in Dialog zu treten und keinen Aspekt der Natürlichkeit auszulassen. Rückwirkend gesehen, war Franz von Asissi ein zeitlos moderner Denker, dessen Weltverständnis den  Erkenntnissen heutiger Naturwissenschaft erstaunlich nahe lag. Soviel ist sicher: ein heutiger Papst, der sich mit einem Franziskus messen wollte, wäre Kosmologe, in der Kurie säßen Quantenphysiker und Neurobiologen, und gedankliche wie moralische Tabus wären nicht denkbar.

Davon abgesehen wäre von einer Kirche, die den Anspruch einer authentischen spirituellen Institution erhebt, spirituelle Inspiration zu erwarten. Ich möchte wissen, warum ich auf der Welt bin, wo und wie ich nach Gott oder dem Göttlichen zu suchen habe, was der Tod zu bedeuten hat, und wie ich mich in einen Einklang mit der Existenz begeben kann, der mein Leben sinnvoll macht. Die extremen Ungleichgewichte in der neuen globalen Gesellschaft sind lediglich ein Spiegel für den kollektiven Mangel an Lebenssinn außerhalb der Befriedigung materieller Bedürfnisse. Wird Papa Franziskus schaffen, was Buddha, Jesus, Laotse, Mohammed, dem Dalai Lama, Bagwan, Maharishi und tausend anderen Propheten eines goldenen Zeitalters des Friedens, der Liebe und des Mitgefühls misslungen ist?

U.M. Hammer

u.m.