Ich bin öffentlich! – Also bin ich!

NR. 15       Oktober  2013

Hurra! Ich bin öffentlich! Also bin ich!

 

Vielleicht bin ich ja ein wenig pervers, aber ich bekenne freimütig, dass ich es genieße, die Sphäre meines privaten Lebens mit jedem zu teilen, der sich dafür interessiert oder davon  unterhalten fühlt. Seit ich in meinem Klo eine Kamera installiert und direkt mit Youtube und  Facebook vernetzt habe, bekomme ich täglich tausende Klicks. Ich bin fast schon eine Berühmtheit. Und das auch noch in globalem Maßstab. Dazu kommuniziere ich nur noch über öffentliche Kanäle. Das hat mit einem gewissen Altruismus zu tun. Interessierte Mitmenschen sollen keine Zeit mit dem Knacken von Passwörtern verlieren. Bei meiner Entscheidung spielt aber auch die Haltung eine nicht unbedeutende Rolle. Da geht es um die Befreiung von behindernden Ängsten, um das Ausbrechen aus den kleinkarierten Rückzugsblasen aus dem sogenannten Privaten, um die Überwindung des Geizes. Man muss auch geben, wenn man etwas bekommen will. Wer sich an meinem Kontostand delektieren will, soll seine Freude daran haben. Warum sollte ich ihm seinen Wunsch verwehren. Den paranoiden Mitarbeitern  von paranoiden Behörden, die sich professionell an meinen nunmehr frei zugänglichen Privatgeheimnissen ergötzen, muss ich mein Mitgefühl aussprechen. Sie haben nicht begriffen, dass es eigentlich nur um Unterhaltung geht. In den Fäkalien anderer Leute zu lediglich eine Show, die Quote macht.

Persönlich betrachtet, ist für mich das ultimative Age of Aquarius angebrochen. 68 total. Damals haben wir in den Kommunen ja auch freiwillig die Klotüren entsorgt und den Liebesakt in der Öffentlichkeit zur Voraussetzung des befreiten Menschen erklärt.

Macht auf die Tür, macht hoch das Tor. Es geht um Entäußerung. Heutzutage geht das alles noch viel einfacher und besser. Wozu sich aufregen, wenn die Angebote aus den Entäußerungsmedien auch ohne Einschränkungen angenommen werden. Egal von wem!

Da muss man schon konsequent sein. Die fortgeschrittenen Adepten der öffentlichen Selbstsuche oder Selbstfindung werden ahnen, worauf ich wirklich hinaus will. Das Thema hat natürlich auch eine spirituelle Dimension. Es geht um Transformation! Ausgeliefert sein verwandelt sich durch freiwillige Selbstauslieferung in einen Akt höchster Selbstbefreiung mit gleichzeitiger Hingabe an das Unvermeidliche. Das ist auch der Kern aller Religionen. Unter dem allsehenden Auge Gottes bleibt ohnehin nichts auf dieser Welt verborgen. Wozu sollte man da noch Zeit fürs Verstecken vertrödeln. Und noch ein Rat für alle, die das nicht so recht einsehen wollen: beten war schon immer besser, als protestieren und kritisieren.

U.M.Hammer

Ein Plädoyer für die Einheitspartei

NR. 14       November  2013

Ein Plädoyer für die Einheitspartei

 

Dan Brown könnte eine Verschwörungsgeschichte daraus machen: Es war einmal vor vielen, vielen Jahren, als sich einige wichtige Herren versammelten. Vielleicht Bilderberger, Freimaurer, Illuminati? Vermutlich auch die Reichsten und Mächtigsten, ich weiß es nicht, Leute, die ein Interesse daran haben, dass der Laden störungsfrei läuft. Es ging um eine große Sache: Die generelle Vereinheitlichung in allen Bereichen des menschlichen Lebens.

Vereinheitlichung: Darin steckt das Wort Einheit, und irgendwie fing es vielleicht damit an, dass eine Einheitspartei  zerbrach, um eine neue, höhere Einheit herzustellen. Die Einheit eines zuvor getrennten Volkes. Vereinigung ist gut! Die Zeit ist nun endlich reif, eine neue globale Einheitspartei aufzustellen. Faktisch gibt es sie ja auch schon, nur will sie sich nicht so nennen, die Interessengemeinschaft der Profiteure aller Couleur. Da hat die geheime Loge, die hinter allem steckt, gute Vorarbeit geleistet. Letztlich geht es, genau wie in der Physik, um die große Vereinheitlichung. Dabei geht es den Verschwörern nicht um Ideologie. Nein, es geht um Vereinfachung. Angleichung ist wichtig für die Verminderung von Reibungswiderständen. Das kann jeder einsehen. Deswegen war es auch nicht schwer, die Autohersteller von der globalen Einheitsform ihrer Modelle zu überzeugen. Die Architekten waren auch gleich mit dabei, um Stadtsilhouetten zeitgemäß zu formatisieren und die Designer sorgten dafür, dass man in einer Lounge in Mumbay nicht weiß, ob man sich in Shanghai, Hamburg oder Oslo befindet. Mit ein paar Tricks werden marginale Unterschiede eingeplant, die Andersartigkeit vortäuschen sollen.  Das ist so, wie bei den Tatoos. Jedes Motiv ist individuell gemeint. Aber tatsächlich besteht es aus den immer gleichen bedeutungslosen Versatzstücken. Und aus geringer Entfernung schon ist keines der Schulter-, Oberarm- oder Wadenbilder auseinander zu halten. Das alles kann kein Zufall sein. Das ist geschickt gelenkt, immerhin so unauffällig noch, dass man die Zeichen bei flüchtiger Beobachtung übersieht. Die große Einheit, lange durch die ästhetischen Bedingungen von Wachstum und Konsum vorbereitet, so haben sich die Verschwörer das gedacht, soll wie eine globale Sangria sein, ein riesiger Topf mit zermatschten Früchten aus aller Welt und einer Überdosis Alkohol. Jetzt können alle überall und zu jeder Zeit und dabei noch gleichzeitig aus dem großen Livestyletopf schlürfen. Es wirkt stabilisierend auf eine Gesellschaft, wenn alle dasselbe trinken. Bei Coca Cola, wahrscheinlich ein Produkt der Illuminati, wusste man das schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Jetzt gehen die Verschwörer aufs Ganze. Jetzt kommen die Synergien der Manipulateure ins Spiel, die Philosophie, mit der man auch noch banalste Banalität in den Stand von Unterhaltungskunst erheben und die Wissenschaft, mit der man die große Vereinheitlichung zu einer logischen Konsequenz zivilisatorischen Fortschritts erklären kann. Aber schließlich hat alles auch ein wenig mit gesundem Menschenverstand zu tun, Vereinheitlichung ist rational, ist der große Optimierer und Mediator. Wenn alles immer gleicher oder ähnlicher wird, wird die Welt ein Stück einfacher, erträglicher, besser, friedlicher, sicherer und effektiver. So jedenfalls verkaufen die Medienagenten der Verschwörer das vereinheitlichte Betriebssystem für eine funktionierende Gesellschaft. Romantische Träumer und Individualisten Luxussteuer entrichten. Die Einnahmen könnte man für Anpassungskurse verwenden.

U. M. Hammer

Worum es wirklich geht – Eine Regierungserklärung

NR. 13       Oktober  2013

Worum es wirklich geht

Entwurf einer alternativen Regierungserklärung

 

 

An das Kanzleramt

Über Ihr Angebot habe ich mich sehr gefreut. Gerne bin ich bereit für Frau Merkel den Text  für die gewünschte Rede  zu verfassen. Im Anhang übersende ich Ihnen gleich einen ersten Rohentwurf.

 

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

lassen Sie mich mit den Worten meines Vorgängers, Gerhard Schröder, beginnen: Ein Land wie Deutschland regiert sich quasi von selbst. Von einigen praktischen Problemen, die am besten bei den Fachleuten aufgehoben sind, abgesehen, kann ich dem nur zustimmen.

All die Jahre meiner Kanzlerschaft habe ich Ihnen Politik erklärt, und ich denke, Sie haben das alle hinreichend begriffen. Es ist alles gesagt. Für mich ist es jetzt an der Zeit, mich wieder auf meine Kernkompetenzen zu besinnen.

Wie Sie ja wissen, bin ich weltweit die einzige Physikerin in der höchsten Regierungsfunktion eines Landes. Als Naturwissenschaftlerin möchte ich Ihnen die frohe Botschaft überbringen: Sie haben ab sofort ein Grundrecht auf Welterkenntnis. Es wird einen entsprechenden Nachtrag in der Verfassung geben müssen. In Zukunft werde ich nur noch zu grundsätzlichen Fragen der Existenz Stellung nehmen. Mit Goethe gesprochen, werde ich Ihnen offenbaren, was die Welt im Innersten zusammen hält. Fragen Sie sich nicht mehr, worin sich CDU und SPD unterscheiden, fragen Sie, worin sich Materie und Energie unterscheiden. Fragen Sie, warum die Sterne sich der Relativitätstheorie unterwerfen, während die Atome und seine Teilchen von der Quantentheorie dominiert werden. Als Physikerin kann ich Ihnen versichern: Das sind die Fragen, auf die es ankommt. Wie die gänzliche falsche Anwendung der Atomenergie gezeigt hat, müssen auch Politiker in Zeiträumen rechnen, die weit über den Augenblick hinaus gehen. Ja, ich wage die unbequeme Aussage: Wir müssen verstehen, warum es ein Etwas gibt und nicht nur pures Nichts. Das fängt beim Urknall an. Da war kein Nichts sondern ein Etwas, nur eben noch viel kleiner als ein Atom, als ein Proton und Neutron, und sogar noch kleiner als ein  Quark. Was war da los, im ersten Augenblick nach der Geburt unseres Universums?

Nachdem sie für Jahrzehnte mit dem Gedankenschaum der Politiker vorlieb nehmen mussten,  haben Sie jetzt ein Recht darauf, endlich zu erfahren, was Quantenschaum ist. Und wenn Sie sich schon damit abgefunden haben, dass Politik vorwiegend aus verbogenen Wahrheiten besteht, sollen wenigstens erfahren, warum Gravitation gerade Linien im Raum verbiegen kann und warum die Schwerkraft und hohe Geschwindigkeiten die Zeit verlangsamen. Mit dem Dalai Lama habe ich auch darüber gesprochen. Er ist zu der gleichen Erkenntnis gelangt, wie ich selbst: Der Mensch ist nicht auf die Welt gekommen, um Politik zu begreifen, sondern um die Wunder der Schöpfung zu feiern und zu verstehen. Das hat natürlich auch mit Religion und Buddhismus zu tun. Ob das alles mit dem Selbstverständnis einer christlichen Partei vereinbar ist, weiß ich nicht. Da werde ich noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten müssen. Kommt Zeit, kommt Rat.      U.M. Hammer

Letzte Ausfahrt Utopia

NR. 12       September  2013

Letzte Ausfahrt, Utopia!

Über die kollektive Unlust an der Zukunft

 

An manchen Tagen verdunkelt sich mein Gemüt. Gründe finden sich immer. Es fängt meistens harmlos an. Mit Lustlosigkeit. Nichts kann mich motivieren. Ich

könnte entspannt auf den nächsten Tag warten. Er könnte ja die Wende bringen. Der Kampf zwischen Wollen und Nichtkönnen allerdings verbraucht die letzten positiven Kräfte. Nach der Depression kommt die Verzweiflung. Aber gerade als alle restlichen Gedanken sich zu einer undurchsichtigen schwarzen Wolke verdichten, kommt die Rettung als plötzliche Erinnerung an all die unglaublichen Visionen, die vor gerade einmal einem halben Jahrhundert die Zukunft zu  einem Ort der Sehnsucht machten, zu einem Ort der Utopien. Es war die Zeit meiner Jugend, eine Zeit des Aufbruchs und des ungebrochenen Glaubens an ein noch besseres und noch moderneres Morgen. Die Echos der Relativitätstheorie, der Energieformel und der Quantenmechanik hallten nicht nur in den Köpfen der Intellektuellen und die Versprechungen waren Atomenergie zum Nulltarif, Elektronik, Automatisierung primitiver Arbeit, künstliche Intelligenz, Raumfahrt zu fernen Planeten sowie die Enthüllung der letzten Geheimnisse des Universums und der Existenz.

Auf den Straßen fuhren noch Goggomobil, VW Käfer, Ford Taunus und gelegentlich ein Opel Kapitän, aber auf den Titelbildern der Science Fiction Hefte am Kiosk konnte man sehen, wie anders die Welt schon bald aussehen würde. Wer modern war, war auch Utopist. Und dazu stand es außer Frage: Meine Generation würde alle die Segnungen der schönen Neuen Welt noch erleben dürfen.

Eine Verheißung lag in der Luft, eine berauschende Lust auf eine Zukunft, an der jeder auf seine Art, nach seinen Vorlieben teilhaben wollte. Alles war so greifbar nahe. Bald schon würde es den handlichen Atomantrieb für das fliegende Auto mit den riesigen verchromten Heckflossen geben und man würde in Raketen steigen wie in Flugzeuge und für ein Wochenende die Erde vom Mond aus betrachten.

Ich muss nur eine Weile intensiv daran denken, und die Bilder, die ich vor meinem geistigen Auge sehe, infiltrieren meinen Trübsinn mit Hoffnung. Ja, es gibt sie, die Zukunft! Es gibt etwas, das noch nicht ist aber morgen schon sein könnte. Und das Heute ist der betriebsame Vorhof, in dem all die Wunder erdacht werden, die das Leben morgen noch moderner machen.  Euphorie spült sich in meine Zellen und fantastische Visionen erleuchten das schwarze Loch zukünftiger Ereignislosigkeit, bis mir klar wird, dass ich wachen Auges träume und die meisten Fortschrittsutopien realer geworden sind, als mir lieb ist. Nur sieht leider nichts so aus wie auf den Titelbildern der Science Fiction Hefte aus den Sechzigern. Ich bin in einer Zukunft angekommen, die ich so nicht haben wollte. Und die Hippies, die in den Siebzigern mit Lötkolben und Transistoren Klangcomputer zusammen bastelten, die später unter dem Namen Synthesizer die Popmusik revolutionierten, haben sich Zukunft auch anders vorgestellt. Wo ist  die kreative Utopie, die begeistert und inspiriert?

Auf dem Mars? In den Weiten des Weltalls?  Immerhin, die Voyager Sonde hat gerade das Sonnensystem verlassen und schickt sich an, den galaktischen Lebensraum zu erkunden. Das klingt nach Utopie. Jetzt fehlt nur noch der utopische Mensch.   U.M. Hammer

Warum schaukelt dat denn so?

NR. 11       August  2013

Warum schaukelt dat denn so?

Ein Pamphlet für ein erweitertes Kulturverständnis

und eine Liebeserklärung an die unvergleichlichen Geissens

 

„Roo-berrrt! Warum schaukelt dat denn so!“

„Dat is ne Yacht, Carr-men!“

„Na hör mal Roo-berrrt, dat Ding kostet ne halbe Million. Kann man da nich wat machen?“

„Klar kann man dat, Carr-men. Man kann ja auch im Hafen bleiben. Spart ne Menge Sprit.“

Das ist zeitgenössische Lyrik, die sich mit wenig Aufwand zu einem Rap ausbauen lässt. Wiederholungen bieten sich an: Dat is ne Yacht – dat is ne Yacht – Carmen – Carmen – Carmen – Robert – Robert. Als Refrain: Warum, warum nur schaukelt dat denn so. Mit rheinischem Dialekt klingt das ausgesprochen melodisch und charmant. Mehr noch aber zählt der Inhalt, die Substanz, der Erkenntnisgewinn, die philosophische Qualität. Aber auch physikalisch ist die Eingangsfrage von höchster Brisanz. Mit dem Verb schaukeln wird die kosmische Urbewegung von Ausdehnung und Kontraktion angesprochen. Radikaler gesagt, der Übergang vom Nichts zum Etwas. Die Mathematik solcher Vorgänge zeichnet eine Sinuskurve, was mehr oder weniger einer Wasserwelle entspricht. Das göttliche Schaukeln am Beginn allen Seins ist die Mutter aller Schwingung. Das ist das kosmische Ying und Yang, das sich nach fernöstlicher Überzeugung nur durch Meditation und Erleuchtung verstehen lässt. – Danke Carmen! Danke für die Inspiration.

Deine Frage: Warum schaukelt dat Ding denn so? ist fundamental. Shakespeare hat sie zu Sein oder Nichtsein marginalisiert. In deiner Version steht das Warum gleich am Anfang. Das ist richtig. Warum ist die Frage aller Fragen. Alle weiteren Fragen erübrigen sich.

Dat is ne Yacht ist ein Hinweis auf die Genesis des homo sapiens. Der erste Geistesblitz des Urmenschen: ein Baumstamm im Wasser, das Urschiff, die Arche, die Nave. Der Beginn aller Navigation. Ein Baumstamm im Wasser mit einem Menschen darauf. Dann ein Schrei der Erkenntnis und Begeisterung: Dat is ne Yacht! Es wird damals anders geklungen haben. Vielleicht wie: bu ba bo oder nuk nok nak. Niemand weiß es.

Dann kommt die Nennung eines Wertes. Ne halbe Million. Das ist metaphorisch gemeint. Es unterstreicht die menschliche Neigung zur Quantisierung und ist gleichzeitig ein Beweis für die Wahrheit von Urgegensätzen wie Ying und Yang. Das Warum als Symbol für Vergeistigung und Spiritualität wird mit dem realen Wert der Materie, ne halbe Million, zu der ursprünglichen Einheit von Ying und Yang ergänzt. Sein oder Nichtsein, Etwas oder Nichts, vereinigen sich wieder im Nullpunkt der allumfassenden kosmischen Sinuswelle. Tatsächlich wird mit der Nennung einer Zahl wie, halbe Million, auch auf die Relativität von monetären Aussagen hingewiesen.

Der Aufbau des eingangs zitierten Koans ist perfekt. Schritt für Schritt von der Kosmologie zur Philosophie und schließlich zur Psychologie.

Kann man da nich wat machen? Das meint  den göttlichen Auftrag des Menschen. Er, der leibliche Spiegel des Schöpfers, ist der zum Leben erweckte kosmische Schraubenschlüssel, der geniale Ingenieur, vom großen Inventor selbst berufen, um die Natur Verbesserung zu lehren. Archimedes oder da Vinci würden sagen: Man kann immer was machen.

Aber jetzt kommt äußerste Raffinesse in die Struktur der Gedankenfolge. Man kann ja auch im Hafen bleiben. Das ist die Schnittstelle von reiner Philosophie und angewandter Psychologie. Der Satz fokussiert gleich drei Kernbotschaften in einem. In Wahrheit bewegt sich nichts. Alles ist Illusion. Im unendlichen See des hinduistischen Brahma gibt es nur Atem aber keine Bewegung, keine Veränderung. Brahma ist gleichzeitig der große Hafen. Ihn zu verlassen, hieße, das Universum zu verlassen.

Zweitens findet in dem Satz eine Transmutation der altbekannten Lebensweisheit, Nimm dir nichts vor, dann schlägt dir nichts fehl, statt. In versetzter Lesart: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. In reduzierter Version: man muss nicht alles tun, was man könnte. Da bündeln sich Begriffe wie, loslassen, vertrauen, den Dingen ihren eigenen Lauf lassen. Nicht eingreifen. Das ist ein buddhistisches Zentralthema. Aber schließlich spannt Robert den  abstrakten Gedankenbogen zurück aus dem Kosmischen auf das Irdische, das fassbar Reale und, nicht zu vergessen, das Ökologische: Dat spart ne Menge Sprit.

Weder Sloterdijk noch Precht hätten die großen Fragen des Lebens derart auf den Punkt gebracht. Wer jetzt noch weiter philosophieren möchte, kann das Ende physikalisch mit dem Anfang verbinden. Sprit stünde in diesem Fall für die Umwandlung von Materie zu Energie. Das ist Einstein pur. E gleich M mal c zum Quadrat.  (Beim Sprit geht die Rechnung leider nicht auf) Aber das nur nebenbei. Was zählt, ist das Gefühl. Carmen und Robert, Ihr seid mein Licht in trüben Stunden. Und davon abgesehen, was Ihr da im Fernsehen macht, ist nicht nur eitel Sonnenschein, das ist harte Arbeit. Respekt dafür! Ich liebe Euch.

U.M. Hammer

Über den Stolz, ein Deutscher zu sein

NR. 10       August  2013

Über den Stolz, ein Deutscher zu sein

Der elegantere Weg zur Weltherrschaft

 

Deutsche Panzer und deutsche Waffen überhaupt gehören zu den besten der Welt. Deswegen verkaufen wir sie ja auch mit viel Gewinn an alle, die sie bezahlen können. Krieg allerdings, nein, das wollen wir nicht! Moralisch gesehen, haben wir uns selbst übertroffen. Davon abgesehen halten wir Kriege für ineffizient. Ein deutscher Staatslenker und Feldherr hat bewiesen, dass keine Wunderwaffe ausreicht, um eine ganze Welt unter die Kontrolle einer fanatisierten Nation zu bringen. Nein, solcher Art Krawall gilt heutzutage als pubertär, und Staatsmänner, die sich an Massenvernichtungen ergötzen, gelten als Fälle für die Therapie.

Dominante Menschentypen, wie wir Deutschen, setzen im dritten Jahrtausend auf Bildung, Intelligenz, Effizienz. Das kann man noch mit ein paar antiquierteren Tugenden wie Disziplin, Perfektionismus und Leistungsbereitschaft aufmischen. In diesem Zusammenhang kann man auch schon einmal den Begriff Leitkultur ins Spiel bringen, aber in einer angemessenen Dimension. Andererseits: eine gewisse Bescheidenheit als Tarnung ist nützlich.

Nein! Nur keine Angst! Wir Deutschen sind ganz harmlos geworden. Tatsächlich sind wir jetzt so sensibel, dass wir die Leiden anderer Nationen spüren, als geschähen sie uns selbst. Lasst Euch sagen, liebe Mitbürger in aller Welt, es muss nicht so sein, wie es ist (mancherorts natürlich nur), es geht auch anders. Mit Verstand, Vernunft, Durchblick und dem nötigen Fachwissen ist die Beseitigung von Missständen nur eine Frage der Willensstärke.

Eigentlich wollen wir Euch nicht einmal belehren (Goethe, Einstein und Plank hätten heute bei uns auch nicht mehr viel zu melden), nein, und mit Kultur wollen wir euch auch nicht belästigen. (Geht ja auch gar nicht. Wir haben ja selbst kaum noch welche)

Nein, wir haben gelernt. Nein, wir wollen Euch nichts nehmen! Nein, wir werden Euch keine Nummern auf den Arm tätowieren oder Eure Kinder als Blutwurst vernaschen.

Wir wollen nur eines, dass Ihr besser werdet. Wir wissen, wie das geht. Optimierung ist das Schlüsselwort. Ich bin ein Teil dieser wundervollen Nation und weiß, wovon ich rede. Optimierung ist ganz einfach, wenn man die nötige Intelligenz besitzt, das zu begreifen. Optimierung ist qualifizierte Anpassung an sinnlose Zustände. Und Intelligenz ist, auf die Frage nach dem Warum zu verzichten. Die Gesellschaft ist eine Maschine, und wenn es dem einzelnen Zahnrad gut gehen soll, muss die Maschine perfekt laufen. Das ist doch logisch!

Nein, wir werden niemanden zu seinem Glück zwingen, niemals, aber einzusehen, dass alles noch viel besser funktionieren könnte, wenn alle Mitspieler Qualitätszahnräder wären, dürfte wohl nicht zu viel verlangt sein. Für alle, die das nicht so ganz verstehen und einsehen wollen, noch ein ganz heißer Tipp: Man kann ja auch ein Doppelleben führen. Im Lichte des Tages so optimiert wie der neueste Chip von Intel und im Schatten der Nächte ein ganz Wilder. (Drugs, Internetsex, Orgien aller Art, ihr wisst schon) Also, nur keine Angst, lasst Euch die Einmaligkeit Eurer Existenz mit Tätowierungen  bestätigen, ergötzt Euch vor der Glotze oder treibt Sport bis zur Besinnungslosigkeit. Hauptsache Gesund leben. Kauft Euch die Hucke voll und legt den Spargroschen in Aktien an! Alles Okay! Das aber bitte im Modus der absoluten Perfektion. Optimiert Euch bis zum Anschlag. Wer das nicht hinbekommt, kann zum Äußersten greifen. Schaltet einfach jegliches Bewusstsein aus. Zahnräder und andere Funktionsträger arbeiten nach Programmen und nicht nach Erkenntnis. Tut es! Ihr werdet Euch fantastisch fühlen.

U.M. Hammer

Das imaginäre Museum

NR. 9       Juli  2013

Das imaginäre Museum

Gesegnet sei das digitale Gedächtnis der Menschheit

 

Der Basiscode ist so einfach wie genial. Wir haben ihn den Indern zu verdanken. Sie erfanden die Null. Die Null und die Eins, 0 – 1, Strom an oder aus, das sind die Bausteine, die Atome des digitalen Datenuniversums.

So unauffällig wie es begann, hat sich aus der Recheneinheit 0 / 1 eine eigene Codewelt, ein elektronisches Speicher- und Rechenmonster entwickelt, vor dessen Datenhunger nichts aber auch gar nichts im Mikro- wie im Makrokosmos sicher ist.

Das Monster samt seinen humanoiden Handlangern kennt keine Gesetze außer seinen eigenen, keine Scham,  keine Tabus, keine Grenzen. Es verhält sich ein wenig wie Frau Müller, die in den spießigen Fünfzigern den ganzen Tag über hinter der Häkelgardine saß und mit dem Upgraden und Auswerten ihres persönlichen Datenkatalogs beschäftigt war.

Die Meyers: neues Auto – von welchem Geld? –  Die Hintze: Besuch von Studienrat Kramer –  Die Schröder: schon wieder einen neuen Pelz. – 

Frau Müller war so unbeliebt wie die Monstermaschine heute. Letztere übertrifft Frau Müllers Gedächtnis mindestens um den Faktor eine Billiarde. Das ist so erschreckend wie faszinierend.

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Wollte der moderne Mensch nicht zu Millionen und Milliarden in das Licht der elektronischen Öffentlichkeit? Wollte nicht jeder ein digital komprimierter Star in seinem Facebook Königreich oder ein Rankingvirtuose bei Google werden, rote Fahnen ins Netz setzen, die genau in seine Richtung zeigen und sagen:

„Hier! Hier bin ich! Folge dem Link! Klicke auf…!“

Und da zeigt sich die dunkle Seite der Matrix. Obskure Mächte verwalten das Megagedächtnis, Agenten, die Kopien von allen Informationen herstellen, die sie in ihren Speichern lagern, die alles und noch mehr wissen wollen. Ja, die gibt es wirklich, aber die Informationen werden von Programmen gelesen und von Logikschaltungen bewertet. Wenn das Programm sich für eine Laboranalyse meiner Exkremente interessiert, ist das nicht persönlich gemeint, sondern dient einem Pharmakonzern zur Verbesserung seiner Produktlinie. Eines Tages wird sich das alles verselbstständigen. Die große Maschine wird sich selbst verbessern und weiter verbessern. Kein Mensch muss sich noch damit beschäftigen. Niemand interessiert sich mehr für Details. Von Zeit zu Zeit spuckt sie komprimierte Expertisen aus, die nur noch von ein paar Generälen und Minister gelesen werden. Weiter in der Zukunft gibt sie nur noch kurze Hinweise, wie man einen Kriegsherd in Asien in drei Stufen deeskaliert, oder wie eine Hungersnot in Afrika durch effektive Wetterbeeinflussung abgewendet werden kann.

In der utopischen Epoche schließlich hat man den ursprünglichen Zweck der Big Brother

Maschine schon lange vergessen. Sie speichert noch immer, denn sie ist das Gedächtnis der Menschheit geworden. Sie schreibt und schreibt fort am größten Lexikon der Geschichte. Manchmal erzählt sie eine Anekdote aus ferner Vergangenheit. Ein Tag aus dem Leben eines Mick Jagger oder Hans Meier. Manchmal singt sie eine Melodie oder rezitiert ein selbstverfasstes Gedicht wie: Träumend Singsang, Trinkend Zeit, verhallter Klang, Rom ist verschneit.

U.M. Hammer