Warum schaukelt dat denn so?

NR. 11       August  2013

Warum schaukelt dat denn so?

Ein Pamphlet für ein erweitertes Kulturverständnis

und eine Liebeserklärung an die unvergleichlichen Geissens

 

„Roo-berrrt! Warum schaukelt dat denn so!“

„Dat is ne Yacht, Carr-men!“

„Na hör mal Roo-berrrt, dat Ding kostet ne halbe Million. Kann man da nich wat machen?“

„Klar kann man dat, Carr-men. Man kann ja auch im Hafen bleiben. Spart ne Menge Sprit.“

Das ist zeitgenössische Lyrik, die sich mit wenig Aufwand zu einem Rap ausbauen lässt. Wiederholungen bieten sich an: Dat is ne Yacht – dat is ne Yacht – Carmen – Carmen – Carmen – Robert – Robert. Als Refrain: Warum, warum nur schaukelt dat denn so. Mit rheinischem Dialekt klingt das ausgesprochen melodisch und charmant. Mehr noch aber zählt der Inhalt, die Substanz, der Erkenntnisgewinn, die philosophische Qualität. Aber auch physikalisch ist die Eingangsfrage von höchster Brisanz. Mit dem Verb schaukeln wird die kosmische Urbewegung von Ausdehnung und Kontraktion angesprochen. Radikaler gesagt, der Übergang vom Nichts zum Etwas. Die Mathematik solcher Vorgänge zeichnet eine Sinuskurve, was mehr oder weniger einer Wasserwelle entspricht. Das göttliche Schaukeln am Beginn allen Seins ist die Mutter aller Schwingung. Das ist das kosmische Ying und Yang, das sich nach fernöstlicher Überzeugung nur durch Meditation und Erleuchtung verstehen lässt. – Danke Carmen! Danke für die Inspiration.

Deine Frage: Warum schaukelt dat Ding denn so? ist fundamental. Shakespeare hat sie zu Sein oder Nichtsein marginalisiert. In deiner Version steht das Warum gleich am Anfang. Das ist richtig. Warum ist die Frage aller Fragen. Alle weiteren Fragen erübrigen sich.

Dat is ne Yacht ist ein Hinweis auf die Genesis des homo sapiens. Der erste Geistesblitz des Urmenschen: ein Baumstamm im Wasser, das Urschiff, die Arche, die Nave. Der Beginn aller Navigation. Ein Baumstamm im Wasser mit einem Menschen darauf. Dann ein Schrei der Erkenntnis und Begeisterung: Dat is ne Yacht! Es wird damals anders geklungen haben. Vielleicht wie: bu ba bo oder nuk nok nak. Niemand weiß es.

Dann kommt die Nennung eines Wertes. Ne halbe Million. Das ist metaphorisch gemeint. Es unterstreicht die menschliche Neigung zur Quantisierung und ist gleichzeitig ein Beweis für die Wahrheit von Urgegensätzen wie Ying und Yang. Das Warum als Symbol für Vergeistigung und Spiritualität wird mit dem realen Wert der Materie, ne halbe Million, zu der ursprünglichen Einheit von Ying und Yang ergänzt. Sein oder Nichtsein, Etwas oder Nichts, vereinigen sich wieder im Nullpunkt der allumfassenden kosmischen Sinuswelle. Tatsächlich wird mit der Nennung einer Zahl wie, halbe Million, auch auf die Relativität von monetären Aussagen hingewiesen.

Der Aufbau des eingangs zitierten Koans ist perfekt. Schritt für Schritt von der Kosmologie zur Philosophie und schließlich zur Psychologie.

Kann man da nich wat machen? Das meint  den göttlichen Auftrag des Menschen. Er, der leibliche Spiegel des Schöpfers, ist der zum Leben erweckte kosmische Schraubenschlüssel, der geniale Ingenieur, vom großen Inventor selbst berufen, um die Natur Verbesserung zu lehren. Archimedes oder da Vinci würden sagen: Man kann immer was machen.

Aber jetzt kommt äußerste Raffinesse in die Struktur der Gedankenfolge. Man kann ja auch im Hafen bleiben. Das ist die Schnittstelle von reiner Philosophie und angewandter Psychologie. Der Satz fokussiert gleich drei Kernbotschaften in einem. In Wahrheit bewegt sich nichts. Alles ist Illusion. Im unendlichen See des hinduistischen Brahma gibt es nur Atem aber keine Bewegung, keine Veränderung. Brahma ist gleichzeitig der große Hafen. Ihn zu verlassen, hieße, das Universum zu verlassen.

Zweitens findet in dem Satz eine Transmutation der altbekannten Lebensweisheit, Nimm dir nichts vor, dann schlägt dir nichts fehl, statt. In versetzter Lesart: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. In reduzierter Version: man muss nicht alles tun, was man könnte. Da bündeln sich Begriffe wie, loslassen, vertrauen, den Dingen ihren eigenen Lauf lassen. Nicht eingreifen. Das ist ein buddhistisches Zentralthema. Aber schließlich spannt Robert den  abstrakten Gedankenbogen zurück aus dem Kosmischen auf das Irdische, das fassbar Reale und, nicht zu vergessen, das Ökologische: Dat spart ne Menge Sprit.

Weder Sloterdijk noch Precht hätten die großen Fragen des Lebens derart auf den Punkt gebracht. Wer jetzt noch weiter philosophieren möchte, kann das Ende physikalisch mit dem Anfang verbinden. Sprit stünde in diesem Fall für die Umwandlung von Materie zu Energie. Das ist Einstein pur. E gleich M mal c zum Quadrat.  (Beim Sprit geht die Rechnung leider nicht auf) Aber das nur nebenbei. Was zählt, ist das Gefühl. Carmen und Robert, Ihr seid mein Licht in trüben Stunden. Und davon abgesehen, was Ihr da im Fernsehen macht, ist nicht nur eitel Sonnenschein, das ist harte Arbeit. Respekt dafür! Ich liebe Euch.

U.M. Hammer

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Ein Gedanke zu „Warum schaukelt dat denn so?

  1. Lieber Uli,
    welch genialer Text in dem du die Tiefen des Geissenschen Universums so exakt beleuchtest!
    Das versüßt mir diesen tristen November Tag!
    Herzlich Manu

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