Alle Jahre wieder

NR. 16       Dezember  2013

Alle Jahre wieder

Die wundersame Spiritualisierung des Materialismus

 Alle Jahre wieder kommt er zu uns hernieder. Direkt aus dem Nirgendwo der Unendlichkeit auf unseren Heimatplaneten. Jedes Jahr um dieselbe Zeit. Und wer von außerhalb der Erde zu uns Menschenkindern herab schwebt, muss naturgemäß ein Alien sein oder ein Astronaut am Fallschirm. Am 24. Dezember jedoch trifft keine der Vermutungen zu, da ist es Jesus Christus, der Heiland. Mehr Halbgott als Halbmensch, ist er von Gott, seinem Vater, berufen, die Naturgesetze aus ihrer Verantwortung zu entlassen, um uns kleine leidgeprüfte Erdenwesen mit Wundern zu beglücken.

Alleine schon seine Annäherung bewirkt eine erweiterte Wahrnehmung. Macht auf das Tor, die Tür macht weit. Man spürt die Kraft der Herrlichkeit. Man kann es hören. Süßer die Glocken nie klingen. Sternenmusik allüberall. In den Tannenwipfeln bricht das Eis die gleißenden Lichter der Einkaufspassagen wie die Diamanten in den Auslagen der Juweliere.  Gerüche von Zimt und Nelkenpunsch vernebeln die Sinne.

Der Einwand, dass weite Teile der Welt weniger von Heilanden, als von Katastrophen  heimgesucht werden, zählt nur beiläufig. Was sollte der Heiland schon in Kenia, Uganda, im Jemen, in Mekka, in Afghanistan oder in den Slums von Mumbay und Dehli? Solcher Art Regionen gehören nicht zu seinem Einflussbereich.

Einige Puristen werden jetzt ihre Stimme erheben und mit Moralgetöse auf das Goldene Kalb Syndrom verweisen. Sie haben nichts von den subtileren Zusammenhängen begriffen, haben verdrängt, dass der Heiland in einem Anfall von Jähzorn all die Händler randalierend und prügelnd aus dem Tempel seines Vaters vertrieb. Für die späte Wiedergutmachung dieser ganz und gar unchristlichen Aktion gibt es keinen besseren Anlass, als eine vom Heiland selbst genehmigte Orgie der Transformation überflüssiger Konsumprodukte in Liebesgaben aus der Mitte des Herzens.

Davon abgesehen, haben sich die Zeiten soweit verändert, dass sich die wahren Tempel schon lange im ungeteilten Besitz der Händler befinden. Das ist auch richtig so! Wer vom Profit erleuchtet wird, steht im Licht des Schöpfers. Harte Arbeit und noch härtere Preispolitik wird von der Quelle der Existenz selbst belohnt. Was Gewinn bringt, ist gut, muss richtig sein. Und Weihnachten ist die Garantie für die höchsten Profite des Jahres. Gott liebt die Erfolgreichen. Amerika hat vorgemacht, wie man mit unerschütterlichem Christenglauben und dem rechten Geschäftssinn zum Lieblingsland des Allmächtigen wird.

Eines steht fest: Ein randalierender Gottessohn würde heutzutage schon bei Annäherung an einen Weihnachtsmarkt von den Security Spezialisten aus dem Verkehr gezogen und zur Zwangstherapie verurteilt. Der Richter würde mildernd frühkindliche Störungen berücksichtigen, und die Psychologen würden nach Drogenexzessen in der Pubertät fahnden.

Frohe Weihnachten!

U.M.Hammer