Worum es wirklich geht – Eine Regierungserklärung

NR. 13       Oktober  2013

Worum es wirklich geht

Entwurf einer alternativen Regierungserklärung

 

 

An das Kanzleramt

Über Ihr Angebot habe ich mich sehr gefreut. Gerne bin ich bereit für Frau Merkel den Text  für die gewünschte Rede  zu verfassen. Im Anhang übersende ich Ihnen gleich einen ersten Rohentwurf.

 

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

lassen Sie mich mit den Worten meines Vorgängers, Gerhard Schröder, beginnen: Ein Land wie Deutschland regiert sich quasi von selbst. Von einigen praktischen Problemen, die am besten bei den Fachleuten aufgehoben sind, abgesehen, kann ich dem nur zustimmen.

All die Jahre meiner Kanzlerschaft habe ich Ihnen Politik erklärt, und ich denke, Sie haben das alle hinreichend begriffen. Es ist alles gesagt. Für mich ist es jetzt an der Zeit, mich wieder auf meine Kernkompetenzen zu besinnen.

Wie Sie ja wissen, bin ich weltweit die einzige Physikerin in der höchsten Regierungsfunktion eines Landes. Als Naturwissenschaftlerin möchte ich Ihnen die frohe Botschaft überbringen: Sie haben ab sofort ein Grundrecht auf Welterkenntnis. Es wird einen entsprechenden Nachtrag in der Verfassung geben müssen. In Zukunft werde ich nur noch zu grundsätzlichen Fragen der Existenz Stellung nehmen. Mit Goethe gesprochen, werde ich Ihnen offenbaren, was die Welt im Innersten zusammen hält. Fragen Sie sich nicht mehr, worin sich CDU und SPD unterscheiden, fragen Sie, worin sich Materie und Energie unterscheiden. Fragen Sie, warum die Sterne sich der Relativitätstheorie unterwerfen, während die Atome und seine Teilchen von der Quantentheorie dominiert werden. Als Physikerin kann ich Ihnen versichern: Das sind die Fragen, auf die es ankommt. Wie die gänzliche falsche Anwendung der Atomenergie gezeigt hat, müssen auch Politiker in Zeiträumen rechnen, die weit über den Augenblick hinaus gehen. Ja, ich wage die unbequeme Aussage: Wir müssen verstehen, warum es ein Etwas gibt und nicht nur pures Nichts. Das fängt beim Urknall an. Da war kein Nichts sondern ein Etwas, nur eben noch viel kleiner als ein Atom, als ein Proton und Neutron, und sogar noch kleiner als ein  Quark. Was war da los, im ersten Augenblick nach der Geburt unseres Universums?

Nachdem sie für Jahrzehnte mit dem Gedankenschaum der Politiker vorlieb nehmen mussten,  haben Sie jetzt ein Recht darauf, endlich zu erfahren, was Quantenschaum ist. Und wenn Sie sich schon damit abgefunden haben, dass Politik vorwiegend aus verbogenen Wahrheiten besteht, sollen wenigstens erfahren, warum Gravitation gerade Linien im Raum verbiegen kann und warum die Schwerkraft und hohe Geschwindigkeiten die Zeit verlangsamen. Mit dem Dalai Lama habe ich auch darüber gesprochen. Er ist zu der gleichen Erkenntnis gelangt, wie ich selbst: Der Mensch ist nicht auf die Welt gekommen, um Politik zu begreifen, sondern um die Wunder der Schöpfung zu feiern und zu verstehen. Das hat natürlich auch mit Religion und Buddhismus zu tun. Ob das alles mit dem Selbstverständnis einer christlichen Partei vereinbar ist, weiß ich nicht. Da werde ich noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten müssen. Kommt Zeit, kommt Rat.      U.M. Hammer

Letzte Ausfahrt Utopia

NR. 12       September  2013

Letzte Ausfahrt, Utopia!

Über die kollektive Unlust an der Zukunft

 

An manchen Tagen verdunkelt sich mein Gemüt. Gründe finden sich immer. Es fängt meistens harmlos an. Mit Lustlosigkeit. Nichts kann mich motivieren. Ich

könnte entspannt auf den nächsten Tag warten. Er könnte ja die Wende bringen. Der Kampf zwischen Wollen und Nichtkönnen allerdings verbraucht die letzten positiven Kräfte. Nach der Depression kommt die Verzweiflung. Aber gerade als alle restlichen Gedanken sich zu einer undurchsichtigen schwarzen Wolke verdichten, kommt die Rettung als plötzliche Erinnerung an all die unglaublichen Visionen, die vor gerade einmal einem halben Jahrhundert die Zukunft zu  einem Ort der Sehnsucht machten, zu einem Ort der Utopien. Es war die Zeit meiner Jugend, eine Zeit des Aufbruchs und des ungebrochenen Glaubens an ein noch besseres und noch moderneres Morgen. Die Echos der Relativitätstheorie, der Energieformel und der Quantenmechanik hallten nicht nur in den Köpfen der Intellektuellen und die Versprechungen waren Atomenergie zum Nulltarif, Elektronik, Automatisierung primitiver Arbeit, künstliche Intelligenz, Raumfahrt zu fernen Planeten sowie die Enthüllung der letzten Geheimnisse des Universums und der Existenz.

Auf den Straßen fuhren noch Goggomobil, VW Käfer, Ford Taunus und gelegentlich ein Opel Kapitän, aber auf den Titelbildern der Science Fiction Hefte am Kiosk konnte man sehen, wie anders die Welt schon bald aussehen würde. Wer modern war, war auch Utopist. Und dazu stand es außer Frage: Meine Generation würde alle die Segnungen der schönen Neuen Welt noch erleben dürfen.

Eine Verheißung lag in der Luft, eine berauschende Lust auf eine Zukunft, an der jeder auf seine Art, nach seinen Vorlieben teilhaben wollte. Alles war so greifbar nahe. Bald schon würde es den handlichen Atomantrieb für das fliegende Auto mit den riesigen verchromten Heckflossen geben und man würde in Raketen steigen wie in Flugzeuge und für ein Wochenende die Erde vom Mond aus betrachten.

Ich muss nur eine Weile intensiv daran denken, und die Bilder, die ich vor meinem geistigen Auge sehe, infiltrieren meinen Trübsinn mit Hoffnung. Ja, es gibt sie, die Zukunft! Es gibt etwas, das noch nicht ist aber morgen schon sein könnte. Und das Heute ist der betriebsame Vorhof, in dem all die Wunder erdacht werden, die das Leben morgen noch moderner machen.  Euphorie spült sich in meine Zellen und fantastische Visionen erleuchten das schwarze Loch zukünftiger Ereignislosigkeit, bis mir klar wird, dass ich wachen Auges träume und die meisten Fortschrittsutopien realer geworden sind, als mir lieb ist. Nur sieht leider nichts so aus wie auf den Titelbildern der Science Fiction Hefte aus den Sechzigern. Ich bin in einer Zukunft angekommen, die ich so nicht haben wollte. Und die Hippies, die in den Siebzigern mit Lötkolben und Transistoren Klangcomputer zusammen bastelten, die später unter dem Namen Synthesizer die Popmusik revolutionierten, haben sich Zukunft auch anders vorgestellt. Wo ist  die kreative Utopie, die begeistert und inspiriert?

Auf dem Mars? In den Weiten des Weltalls?  Immerhin, die Voyager Sonde hat gerade das Sonnensystem verlassen und schickt sich an, den galaktischen Lebensraum zu erkunden. Das klingt nach Utopie. Jetzt fehlt nur noch der utopische Mensch.   U.M. Hammer

Warum schaukelt dat denn so?

NR. 11       August  2013

Warum schaukelt dat denn so?

Ein Pamphlet für ein erweitertes Kulturverständnis

und eine Liebeserklärung an die unvergleichlichen Geissens

 

„Roo-berrrt! Warum schaukelt dat denn so!“

„Dat is ne Yacht, Carr-men!“

„Na hör mal Roo-berrrt, dat Ding kostet ne halbe Million. Kann man da nich wat machen?“

„Klar kann man dat, Carr-men. Man kann ja auch im Hafen bleiben. Spart ne Menge Sprit.“

Das ist zeitgenössische Lyrik, die sich mit wenig Aufwand zu einem Rap ausbauen lässt. Wiederholungen bieten sich an: Dat is ne Yacht – dat is ne Yacht – Carmen – Carmen – Carmen – Robert – Robert. Als Refrain: Warum, warum nur schaukelt dat denn so. Mit rheinischem Dialekt klingt das ausgesprochen melodisch und charmant. Mehr noch aber zählt der Inhalt, die Substanz, der Erkenntnisgewinn, die philosophische Qualität. Aber auch physikalisch ist die Eingangsfrage von höchster Brisanz. Mit dem Verb schaukeln wird die kosmische Urbewegung von Ausdehnung und Kontraktion angesprochen. Radikaler gesagt, der Übergang vom Nichts zum Etwas. Die Mathematik solcher Vorgänge zeichnet eine Sinuskurve, was mehr oder weniger einer Wasserwelle entspricht. Das göttliche Schaukeln am Beginn allen Seins ist die Mutter aller Schwingung. Das ist das kosmische Ying und Yang, das sich nach fernöstlicher Überzeugung nur durch Meditation und Erleuchtung verstehen lässt. – Danke Carmen! Danke für die Inspiration.

Deine Frage: Warum schaukelt dat Ding denn so? ist fundamental. Shakespeare hat sie zu Sein oder Nichtsein marginalisiert. In deiner Version steht das Warum gleich am Anfang. Das ist richtig. Warum ist die Frage aller Fragen. Alle weiteren Fragen erübrigen sich.

Dat is ne Yacht ist ein Hinweis auf die Genesis des homo sapiens. Der erste Geistesblitz des Urmenschen: ein Baumstamm im Wasser, das Urschiff, die Arche, die Nave. Der Beginn aller Navigation. Ein Baumstamm im Wasser mit einem Menschen darauf. Dann ein Schrei der Erkenntnis und Begeisterung: Dat is ne Yacht! Es wird damals anders geklungen haben. Vielleicht wie: bu ba bo oder nuk nok nak. Niemand weiß es.

Dann kommt die Nennung eines Wertes. Ne halbe Million. Das ist metaphorisch gemeint. Es unterstreicht die menschliche Neigung zur Quantisierung und ist gleichzeitig ein Beweis für die Wahrheit von Urgegensätzen wie Ying und Yang. Das Warum als Symbol für Vergeistigung und Spiritualität wird mit dem realen Wert der Materie, ne halbe Million, zu der ursprünglichen Einheit von Ying und Yang ergänzt. Sein oder Nichtsein, Etwas oder Nichts, vereinigen sich wieder im Nullpunkt der allumfassenden kosmischen Sinuswelle. Tatsächlich wird mit der Nennung einer Zahl wie, halbe Million, auch auf die Relativität von monetären Aussagen hingewiesen.

Der Aufbau des eingangs zitierten Koans ist perfekt. Schritt für Schritt von der Kosmologie zur Philosophie und schließlich zur Psychologie.

Kann man da nich wat machen? Das meint  den göttlichen Auftrag des Menschen. Er, der leibliche Spiegel des Schöpfers, ist der zum Leben erweckte kosmische Schraubenschlüssel, der geniale Ingenieur, vom großen Inventor selbst berufen, um die Natur Verbesserung zu lehren. Archimedes oder da Vinci würden sagen: Man kann immer was machen.

Aber jetzt kommt äußerste Raffinesse in die Struktur der Gedankenfolge. Man kann ja auch im Hafen bleiben. Das ist die Schnittstelle von reiner Philosophie und angewandter Psychologie. Der Satz fokussiert gleich drei Kernbotschaften in einem. In Wahrheit bewegt sich nichts. Alles ist Illusion. Im unendlichen See des hinduistischen Brahma gibt es nur Atem aber keine Bewegung, keine Veränderung. Brahma ist gleichzeitig der große Hafen. Ihn zu verlassen, hieße, das Universum zu verlassen.

Zweitens findet in dem Satz eine Transmutation der altbekannten Lebensweisheit, Nimm dir nichts vor, dann schlägt dir nichts fehl, statt. In versetzter Lesart: Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. In reduzierter Version: man muss nicht alles tun, was man könnte. Da bündeln sich Begriffe wie, loslassen, vertrauen, den Dingen ihren eigenen Lauf lassen. Nicht eingreifen. Das ist ein buddhistisches Zentralthema. Aber schließlich spannt Robert den  abstrakten Gedankenbogen zurück aus dem Kosmischen auf das Irdische, das fassbar Reale und, nicht zu vergessen, das Ökologische: Dat spart ne Menge Sprit.

Weder Sloterdijk noch Precht hätten die großen Fragen des Lebens derart auf den Punkt gebracht. Wer jetzt noch weiter philosophieren möchte, kann das Ende physikalisch mit dem Anfang verbinden. Sprit stünde in diesem Fall für die Umwandlung von Materie zu Energie. Das ist Einstein pur. E gleich M mal c zum Quadrat.  (Beim Sprit geht die Rechnung leider nicht auf) Aber das nur nebenbei. Was zählt, ist das Gefühl. Carmen und Robert, Ihr seid mein Licht in trüben Stunden. Und davon abgesehen, was Ihr da im Fernsehen macht, ist nicht nur eitel Sonnenschein, das ist harte Arbeit. Respekt dafür! Ich liebe Euch.

U.M. Hammer

Über den Stolz, ein Deutscher zu sein

NR. 10       August  2013

Über den Stolz, ein Deutscher zu sein

Der elegantere Weg zur Weltherrschaft

 

Deutsche Panzer und deutsche Waffen überhaupt gehören zu den besten der Welt. Deswegen verkaufen wir sie ja auch mit viel Gewinn an alle, die sie bezahlen können. Krieg allerdings, nein, das wollen wir nicht! Moralisch gesehen, haben wir uns selbst übertroffen. Davon abgesehen halten wir Kriege für ineffizient. Ein deutscher Staatslenker und Feldherr hat bewiesen, dass keine Wunderwaffe ausreicht, um eine ganze Welt unter die Kontrolle einer fanatisierten Nation zu bringen. Nein, solcher Art Krawall gilt heutzutage als pubertär, und Staatsmänner, die sich an Massenvernichtungen ergötzen, gelten als Fälle für die Therapie.

Dominante Menschentypen, wie wir Deutschen, setzen im dritten Jahrtausend auf Bildung, Intelligenz, Effizienz. Das kann man noch mit ein paar antiquierteren Tugenden wie Disziplin, Perfektionismus und Leistungsbereitschaft aufmischen. In diesem Zusammenhang kann man auch schon einmal den Begriff Leitkultur ins Spiel bringen, aber in einer angemessenen Dimension. Andererseits: eine gewisse Bescheidenheit als Tarnung ist nützlich.

Nein! Nur keine Angst! Wir Deutschen sind ganz harmlos geworden. Tatsächlich sind wir jetzt so sensibel, dass wir die Leiden anderer Nationen spüren, als geschähen sie uns selbst. Lasst Euch sagen, liebe Mitbürger in aller Welt, es muss nicht so sein, wie es ist (mancherorts natürlich nur), es geht auch anders. Mit Verstand, Vernunft, Durchblick und dem nötigen Fachwissen ist die Beseitigung von Missständen nur eine Frage der Willensstärke.

Eigentlich wollen wir Euch nicht einmal belehren (Goethe, Einstein und Plank hätten heute bei uns auch nicht mehr viel zu melden), nein, und mit Kultur wollen wir euch auch nicht belästigen. (Geht ja auch gar nicht. Wir haben ja selbst kaum noch welche)

Nein, wir haben gelernt. Nein, wir wollen Euch nichts nehmen! Nein, wir werden Euch keine Nummern auf den Arm tätowieren oder Eure Kinder als Blutwurst vernaschen.

Wir wollen nur eines, dass Ihr besser werdet. Wir wissen, wie das geht. Optimierung ist das Schlüsselwort. Ich bin ein Teil dieser wundervollen Nation und weiß, wovon ich rede. Optimierung ist ganz einfach, wenn man die nötige Intelligenz besitzt, das zu begreifen. Optimierung ist qualifizierte Anpassung an sinnlose Zustände. Und Intelligenz ist, auf die Frage nach dem Warum zu verzichten. Die Gesellschaft ist eine Maschine, und wenn es dem einzelnen Zahnrad gut gehen soll, muss die Maschine perfekt laufen. Das ist doch logisch!

Nein, wir werden niemanden zu seinem Glück zwingen, niemals, aber einzusehen, dass alles noch viel besser funktionieren könnte, wenn alle Mitspieler Qualitätszahnräder wären, dürfte wohl nicht zu viel verlangt sein. Für alle, die das nicht so ganz verstehen und einsehen wollen, noch ein ganz heißer Tipp: Man kann ja auch ein Doppelleben führen. Im Lichte des Tages so optimiert wie der neueste Chip von Intel und im Schatten der Nächte ein ganz Wilder. (Drugs, Internetsex, Orgien aller Art, ihr wisst schon) Also, nur keine Angst, lasst Euch die Einmaligkeit Eurer Existenz mit Tätowierungen  bestätigen, ergötzt Euch vor der Glotze oder treibt Sport bis zur Besinnungslosigkeit. Hauptsache Gesund leben. Kauft Euch die Hucke voll und legt den Spargroschen in Aktien an! Alles Okay! Das aber bitte im Modus der absoluten Perfektion. Optimiert Euch bis zum Anschlag. Wer das nicht hinbekommt, kann zum Äußersten greifen. Schaltet einfach jegliches Bewusstsein aus. Zahnräder und andere Funktionsträger arbeiten nach Programmen und nicht nach Erkenntnis. Tut es! Ihr werdet Euch fantastisch fühlen.

U.M. Hammer

Das imaginäre Museum

NR. 9       Juli  2013

Das imaginäre Museum

Gesegnet sei das digitale Gedächtnis der Menschheit

 

Der Basiscode ist so einfach wie genial. Wir haben ihn den Indern zu verdanken. Sie erfanden die Null. Die Null und die Eins, 0 – 1, Strom an oder aus, das sind die Bausteine, die Atome des digitalen Datenuniversums.

So unauffällig wie es begann, hat sich aus der Recheneinheit 0 / 1 eine eigene Codewelt, ein elektronisches Speicher- und Rechenmonster entwickelt, vor dessen Datenhunger nichts aber auch gar nichts im Mikro- wie im Makrokosmos sicher ist.

Das Monster samt seinen humanoiden Handlangern kennt keine Gesetze außer seinen eigenen, keine Scham,  keine Tabus, keine Grenzen. Es verhält sich ein wenig wie Frau Müller, die in den spießigen Fünfzigern den ganzen Tag über hinter der Häkelgardine saß und mit dem Upgraden und Auswerten ihres persönlichen Datenkatalogs beschäftigt war.

Die Meyers: neues Auto – von welchem Geld? –  Die Hintze: Besuch von Studienrat Kramer –  Die Schröder: schon wieder einen neuen Pelz. – 

Frau Müller war so unbeliebt wie die Monstermaschine heute. Letztere übertrifft Frau Müllers Gedächtnis mindestens um den Faktor eine Billiarde. Das ist so erschreckend wie faszinierend.

Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Wollte der moderne Mensch nicht zu Millionen und Milliarden in das Licht der elektronischen Öffentlichkeit? Wollte nicht jeder ein digital komprimierter Star in seinem Facebook Königreich oder ein Rankingvirtuose bei Google werden, rote Fahnen ins Netz setzen, die genau in seine Richtung zeigen und sagen:

„Hier! Hier bin ich! Folge dem Link! Klicke auf…!“

Und da zeigt sich die dunkle Seite der Matrix. Obskure Mächte verwalten das Megagedächtnis, Agenten, die Kopien von allen Informationen herstellen, die sie in ihren Speichern lagern, die alles und noch mehr wissen wollen. Ja, die gibt es wirklich, aber die Informationen werden von Programmen gelesen und von Logikschaltungen bewertet. Wenn das Programm sich für eine Laboranalyse meiner Exkremente interessiert, ist das nicht persönlich gemeint, sondern dient einem Pharmakonzern zur Verbesserung seiner Produktlinie. Eines Tages wird sich das alles verselbstständigen. Die große Maschine wird sich selbst verbessern und weiter verbessern. Kein Mensch muss sich noch damit beschäftigen. Niemand interessiert sich mehr für Details. Von Zeit zu Zeit spuckt sie komprimierte Expertisen aus, die nur noch von ein paar Generälen und Minister gelesen werden. Weiter in der Zukunft gibt sie nur noch kurze Hinweise, wie man einen Kriegsherd in Asien in drei Stufen deeskaliert, oder wie eine Hungersnot in Afrika durch effektive Wetterbeeinflussung abgewendet werden kann.

In der utopischen Epoche schließlich hat man den ursprünglichen Zweck der Big Brother

Maschine schon lange vergessen. Sie speichert noch immer, denn sie ist das Gedächtnis der Menschheit geworden. Sie schreibt und schreibt fort am größten Lexikon der Geschichte. Manchmal erzählt sie eine Anekdote aus ferner Vergangenheit. Ein Tag aus dem Leben eines Mick Jagger oder Hans Meier. Manchmal singt sie eine Melodie oder rezitiert ein selbstverfasstes Gedicht wie: Träumend Singsang, Trinkend Zeit, verhallter Klang, Rom ist verschneit.

U.M. Hammer

 

KRIEG ODER KUNST?

NR. 8       Juli  2013

Krieg oder Kunst?

Pazifismus im Zeichen der  Computerspiele

Hartnäckig hält sich ein Gerücht: Künstler sind antibürgerlich und eigentlich überflüssig, aber wenigstens sind sie feinsinnig und von pazifistischem Gemüt. Krieg und Kunst sind nun einmal unvereinbare Gegensätze. Nein, ich muss widersprechen: Hatte ein Beuys nicht  immer wieder mit Stolz auf seine angebliche Karriere als Jagdflieger hingewiesen? Und ist ein Anselm Kiefer nicht mit verkleinerten B 52 Bombern aus Blei zu Weltruhm gelangt? Hat nicht eine Nicki St. Phalle  mit Begeisterung Gewehrkugeln auf Farbbeutel verschossen? – Auf der anderen Seite: Wie viele Feldherren haben sich mehr als Künstler, denn als Massenmörder gesehen? Einzig die Soldaten in den Schützengräben hätten gut auf die blutrünstige Actionkunst verzichten können. Und für die Feingeister ist es der ekelerregende Anblick zerfetzter Körperteile, der sie davon abhält, sich aus vollem Herzen an der Schlachtengestaltung zu beteiligen.

Nach drei Jahrzehnten digitaler Evolution hat sich die Kriegskunst endlich zu einer echten  Kunst mit gänzlich neuen ästhetischen Vorgaben entwickelt. Der Krieg ist sozusagen stubenrein geworden, ist in ungeahnte intellektuelle Höhen aufgestiegen und eröffnet dem Virtuosen nie zuvor gekannte Spielfelder. Selbst Schreckhafte und Blutallergiker können sich jetzt in touristischer Vergnügungslaune auf  Kriegschauplätze in exotischen Welten beamen, seit die Waffensysteme per Mouseklick aus der Toolbar gewählt werden.

Mein pubertierender Sohn, das kann ich jetzt schon sehen, wird einmal ein ganz Großer unter den Kriegskünstlern im Cyberspace. Stundenlang in optimaler Konzentration auf das Display starrend, ist er in wenigen Monaten zu einem Meister im Handling von Battlefield und World of Tanks geworden. Gäbe es ein Fachabitur in diesen Disziplinen, würde er es mit Leichtigkeit bestehen. Jubelschreie gellen durch die Wohnung, wenn er gerade einen Stadtteil in den Erdboden versenkt hat. – Neulich erst hat er mir beigebracht, wie man eine Lastwagenkolonne per Joystick ins Visier nimmt und so nahe heran zoomt, dass der erste Treffer gleich eine Komplette Kompanie aus dem Datensatz löscht. 

Ich habe ihm zu erklären versucht, dass die großen Jungs vom Pentagon und von der Nato nichts anderes machen, nur dass sie ganz reale Drohnen mit ihren Joysticks steuern. Tausende Kilometer vom Ort des echten Schreckens entfernt, krempeln sie ihre Hemdsärmel hoch, schlürfen ihren Milchkaffee und navigieren ihre echten Raketensprengköpfe mit maximaler Perfektion ins Ziel. Echte Häuser zerbröseln zu Staub, echte Körperteile fliegen durch die Luft, und echtes Blut spritzt über das Gemetzel. – Mein Sohn hat nur gelacht. „Das ist doch irre, ich hab drei Panzer mit einem Schuss zermatscht!“ – „Und was ist mit den Soldaten in den Panzern?“, habe ich nachgefragt. – Er hat die Frage nicht gehört. Weitere Panzer preschen aus dem Schlachtennebel ihrer  digitalen Auslöschung entgegen. „Stör mich nicht!“, war die einzige Antwort.-  Ich bin sicher, wenn er so weitermacht, wird ein echter Künstler aus ihm werden.

U. M. Hammer

Demokratie – oder ein Fest der Freiheit

Kurzmitteilung

u.m. Hammer´s Zeiteist

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NR. 7       Mai 2013

Demokratie oder ein Fest der Freiheit

Zum 2500sten Jahrestag der Erfindung der Demokratie -eine Reportage

 

Meyers Taschenlexikon – Demokratie (griech. „Volksherrschaft“) – Kleisthenes (513 vor Christie) wird als der Urheber der Demokratie angesehen.

 

Tausende, Hunderttausende, Millionen in Verzückung. Die Zeppeline schweben in die Arena ein. Sie tragen die Logos der Sponsoren: Adidas, Deutsche Bank, Daimler, Monsanto, VW und Microsoft, um nur einige zu nennen. Jetzt dröhnt es aus den Lautsprechern: „Ihr seid ein glücklich Volk von Demokraten. So lasst uns feiern jetzt. Hoch lasst sie leben, die Demokratie, das Paradies auf Erden.“

Fanfaren, Geigen, Tuben, Kontrabässe, des Volkes Stimmen jetzt im Chor vereint. Wir singen die Nationalhymne. Es greift ans Herz. Nicht nur mir. Altkanzler Schröder reibt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Auf seinem Taschentuch kann ich ein Portrait von Putin erkennen. Ein Gitarrensolo schwingt sich über die Jubelchöre, fast wie von Jimmy. Das Woodstock der Demokratie und Demokraten. All die Sieger von DsdS, Voice of Germany und European Song Contest sind jetzt im Chor vereint. Der Gesang schwillt an. Ekstase ist die Norm. Ich sehe auf dem Monitor, wie Peer und Claudia sich in die Arme fallen.  Fantastisch! Das Display, groß wie ein halbes Fußballfeld, ist Sonys Dankeschön an die Demokratie und die globale Marktwirtschaft. Gerade wechselt das Bild zu einer Werbeeinspielung von Gentech Germany. Brilliante Wiedergabe in HD. Von der Leyen kreischt vor Vergnügen auf. Livegeburt vor laufenden Kameras. Da. Jetzt flutscht es aus dem Schoß, das Baby weiblichen Geschlechts. In Sekunden ist es schon Bannerträgerin der Jungen Union, dann Abgeordnete im Parlament der Demokraten und, kaum zu glauben, Ministerin für Geburtenbeschleunigung.

„Demokratie! Demokratie!“, jubelt es von den Tribünen.

Der Präsident streckt die Hände gen Himmel. Vibrato in der Stimme: „Freiheit! Freiheit!“

Der Chor: „Freiheit, schöner Götterfunke!“

Orgelcluster branden auf. Ich kann nicht sehen, wer die Tasten drückt. Schmidt, Scholl-Latour, Lanz oder Grönemeyer?

Jetzt wieder der Präsident: „Wohlan mein Volk! Brot und Spiele für die Freiheit. Freiheit, höchstes Gut auf Erden.“

Die Ministerin für Soziales ergänzt: „Brot für alle! Freibier für ein einig Volk der Demokraten!“

Was ich sehe übertrifft jede Fantasie: Zigtausende Liter Bier strömen in die Arena. Die Werbedisplays strahlen auf: Reines Bier mit reinem Wasser von Nestlé.

Die ersten Galeeren steuern ins Zentrum des maritimen Spielfelds. Das mediterrane Sonnenlicht dazu ist eine P.R. Aktion von REW. Frenetischer Applaus. Der Kommentar aus den Lautsprechern: „Die Schlacht von Lepanto. Eine Musicalproduktion von Viva und Arte.“

Ein Europaminister: „Das haben alles die griechischen Reeder bezahlt.“

Die Kanzlerin ergänzt: „Als Wiedergutmachung für die Steuerflucht.“

Der Präsident: „Nur in Freiheit kann nichts schöner als die Freiheit sein.“

Jubel von den Rängen der Europaabgeordneten. An den Rudern der Galeeren, Hartz 4 Betrüger, Salafisten, Fleischesser, verschleierte Integrationsverweigerinnen und Asylschmarotzer als lebende Fackeln. Bengalische Lichter im Walzertakt. Für die Nachwelt alles schnell mit Ölfarben auf Leinwand gepinselt vom neuen Dekorationsminister Professor Lüppertz. Die Grünen werfen Biomüll Marke Tengelmann auf die Darsteller. Von den Hinterbänken Bravogeschrei der Parteisoldaten aus den Provinzen. Jetzt, mir stockt der Atem: der Chefredakteur von Stimme des Volkes schwingt das Metzgerbeil. Blutspritzende Köpfe stürzen in das Meer aus wogendem Bier. Vielleicht sind es auch nur Karnevalsmasken aus chinesischer Produktion. Roberto Blanco singt aus voller Kehle: „Deutschland, Deutschland, über alles, und ein bisschen Spaß muss sein.“

Jetzt: Guttenbergs Herz fliegt auf die Tribüne. Eine Leber von Hoeneß, Gedärme von Wulff und das Skalp von Schavan. Der Präsident singt mit: „Freiheit, Freiheit, und ein bisschen Spaß muss sein. Präsident zu sein, ja das ist fein.“

Fanfaren des Jubels. Wowereit schleudert bunte Papierflieger in den Himmel und wirft Air Berlin Aktion ins Volk. Gysi tanzt Tango mit Westerwelle. Chinesische Glückskatzen explodieren am Firmament und Wagenknecht rezitiert aus Armanis Stilkunde. Welch ein Spektakel. Das ist deutsche Kultur, deutscher Humor und deutsche Technik. Das sollen uns die Griechen mit ihren lächerlichen Tragödien erst einmal nachmachen! Tausende japanischer Demokratietouristen zücken ihre Kameras. Blitzlichtgewitter und Gruppenbild mit Würdenträgern aus der Geld-, Politik- und Freiheitsindustrie.

Roberto ruft der Kanzlerin zu: „Ein bisschen Spaß muss sein!“

Jemand neben mir raunt mir etwas ins Ohr. Es ist der Staatssekretär für Realitätskontrolle: „Glauben Sie niemandem! Alles ist möglich, nichts ist wirklich.“

U.M. Hammer